Bericht zum Jahrhunderthochwasser in Ostdeutschland 2002

Die Leimener Helfer der Deutschen- Lebens- Rettungs- Gesellschaft (DLRG), die am vergangenen Sonntag nach Dessau aufgebrochen waren, sind in der Nacht zum Freitag zurückgekehrt. Wie bereits gemeldet, bildete die Leimener Einheit mit insgesamt acht Helferinnen und Helfer zusammen mit weiteren Kräften aus Eberbach, Gaggenau, Südhardt und Konstanz einen Wasserrettungszug „Baden“.
Dieser Zug arbeitete an der Einsatzstelle mit einem Zug aus Westfahlen zusammen, beide hatten die Aufgabe den aufgeweichten und massiv gefährdeten Deich am Klärwerk von Dessau zu halten und zu sichern. Unter schwierigsten Bedingungen – schlechte Sicht, viel Treibgut und schwülwarme Hitze – waren die Taucher der DLRG damit beschäftigt, Folien an der Wasserseite des Deichs auszurollen und diese mit Sandsäcken zu stabilisieren. Unterstützt wurden sie dabei von Bootstrupps, die zur Sicherung der Taucher und zum Transport mit Sandsäcken eingesetzt wurden. Darüber hinaus stand ein Sanitätsteam inklusive Rettungswagen bereit, um gegebenenfalls medizinische Hilfe leisten zu können.

Insgesamt wurden durch die DLRG in Dessau 37 Rettungstaucher und zwölf Motorrettungsboote eingesetzt. Mit einer Gesamtstärke von 76 Helferinnen und Helfern aus Baden und Westfahlen wurde in vier Tagen der 1,2km lange Deich komplett abgedichtet. Diese Planen hatten eine Länge zwischen acht und zwölf Meter sowie eine Breite von etwa vier Metern. Aufgerollt auf eine Metallstange wurden diese Planenstränge durch die Rettungstaucher bis zum Grund des Deiches ausgerollt und mit Sandsäcken fixiert. Diese Fixierung wurde land- und wasserseitig durch die Rettungsboote verstärkt, sodass der Wasserdruck und die starke Strömung die Folien nicht unterspülen konnten und somit kein weiteres Wasser in den Deich einsickern konnte. Problematisch hierbei war die Struktur des Deiches, die durch fehlende Pflege und Beschnitt über starken Bewuchs verfügte. Dieses Wurzelwerk ermöglichte bei entsprechendem Druck durch das Hochwasser von außen erst das massive Einsickern in die Deichstruktur, die zum Einbrechen hätte führen können. Das eingebrachte Sickerwasser sucht sich aufgrund des hohen Drucks seinen Weg und gefährdet Stabilität und Bodenstruktur, die im Falle des Deichs bei dem Klärwerk von Dessau vor dem Eintreffen der DLRG Einheiten lediglich noch bei 6 Prozent lag. Mit Hilfe von mehreren Kilometern Folie, über 2,5 Millionen Sandsäcken und einem massiven Helferaufwand konnte die Stabilität jedoch gewahrt werden und der Einbruch vermieden werden. Alleine an diesem Schadensabschnitt waren täglich 2.700 Helfer von DLRG, Bundeswehr, Feuerwehr, THW sowie Bürgerinnen und Bürger von Dessau im Einsatz.

Neben der Deichsicherung wurden die DLRG- Einheiten aber auch noch an anderen Stellen eingesetzt. Evakuierungsmaßnahmen sowie Erkundungen von frisch gebrochenen Deichstellen gehörten ebenso zu ihrem Aufgabengebiet. Dabei war besonders die Informationsgewinnung über beispielsweise Fließgeschwindigkeiten, Tiefen und Breiten von Bruchstellen für die technische Einsatzleitung zur Steuerung des weiteren Einsatzgeschehens von Bedeutung. Unterstützt wurden die Einheiten am Boden dabei durch Tornado- Kampfjets und Polizeihubschrauber aus der Luft, die mit Wärmebildkameras Bilder aus der Vogelperspektive aufnahmen.

Erschwerend ist ein derartiges Unterfangen allerdings durch die schwierige Verkehrssituation mit großflächig überfluteten Straßen, die ein Durchkommen, je nach Wasserstand unmöglich machen. Eine Evakuierungseinheit mit sechs Booten konnte trotz hochwasserfähigen Einsatzbooten nicht in die sachsen- anhaltische Ortschaft Wörlitz vordringen. Auch eine weitere Erkundung zu einem kleineren Deichbruch mit einem Einsatzboot führte zu keinem Erfolg.

So wurde kurzerhand eine kleine organisationsübergreifende Einsatzeinheit aus DLRG, THW und Bundeswehr gebildet, die zur Erkundung der Schadensstelle vordringen sollte. Auf einem großen Bundeswehr- LKW wurden das Motorrettungsboot „Horst Lange“ mit Bootsbesatzung sowie ein Luftkissenboot des THWs samt Besatzung verladen. Mit dem LKW ging es dann so weit wie möglich in das Schadensgebiet, ehe Boot und Luftkissenboot zur Erkundung abgesetzt wurden. Auch hier wurde die Fahrt durch überschwemmte Straßen und überspülte Sandsackblockaden auf der Straße massiv erschwert. Durch diese improvisierte Maßnahme kam man schließlich ans Ziel und konnte über mehrere verschiedene Zugangswege an den kleinen Ort Seegrehna gelangen und die erhoffte Erkundung vornehmen. Bis dato gab es nur Luftaufnahmen dieser Stelle, von der unter anderem die Medien bereits seit zwei tagen berichteten. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse entschied sich die Einsatzleitung den Deichbruch durch Abwurf eines Containers sowie Sandsäcken zu verschließen.

Diese Erkundungsfahrt zeigte den Einsatzkräften aber auch noch etwas anderes, das Schicksal der Bevölkerung in den kleinen Ortschaften, die zwar offiziell evakuiert wurden, geht weiter. Es bildeten sich Gemeinschaften, die einen eigenen Personentransfer mit landwirtschaftlichen Maschinen organisierten und so eine eigene Versorgung aufrecht zu erhalten. Die Einwohner bemühten sich Tag und Nacht, die Schäden zu minder, Hab und Gut in höhere Räume zu bringen und Plünderer abzuschrecken. Die Schäden in dieser Region sind unüberschaubar, die Nerven liegen blank, vernünftige Gespräche waren nur schwer möglich. Durchaus verständlich, wenn die Helfer aus einer ungefährdeten Entfernung von 800 Kilometern Entfernung kommen und diesem Schicksal nur für eine kurze Zeit ausgesetzt waren.

Fünf Tage dauerte für die acht Leimener der Einsatz in Ostdeutschland. Eine Zeit, die geprägt war von harter Arbeit und wenig Schlaf, zwischen Sonntag und Freitag kam den Helfer gerade mal so auf 12 bis 15 Stunden Erholung. Für das Team ging ein Einsatz zu Ende, den sie den Rest ihres Lebens nicht mehr vergessen werden. So viel schreckliches haben sie gesehen, aber auch schönes, wie die Solidarität der Einsatzkräfte untereinander, die alle gemeinsam für ein Ziel arbeiten, oder aber auch die Bürgerinnen und Bürger von Dessau. Viele haben an der Einsatzstelle geholfen, standen in der Menschenkette und gaben Sandsäcke weiter, andere brachten Kaffee oder Obst und verbreiteten durch ihren Dank unter den Helfern neue Kräfte.

Für die DLRG Leimen waren im Einsatz: Dominique Gallas, Lisette Hayer, Daniela Moskorz, Matthias Frick, Martin Moskorz, Matthias Splett, Marlo Sündermann und Florian Weidinger.

Weiter zu den Bildern vom Hochwassereinsatz